L3Die Twielenflether Mühle

(Auszug aus der Ortschronik von 1959 von H.P.Siemens)

Neben der Kirche ist kein Bauwerk so eng mit der Ortsgeschichte und dem Brauchtum der Landschaft verbunden wie die Mühle. In Ihrer Geschichte treten Personen und Institutionen auf, die einst das Geschick unserer Landschaft mitbestimmt und oft sogar entscheidend gestaltet haben.

Denn Wasser und Wind waren vormals Regal des Landesherrn, und nur er konnte einen „freyen Windt“, also die Mahlgerechtigkeit, verleihen. Die Besitzer der Mühlen, also meist Adlige oder Prälaten, betrieben sie nicht selbst, sondern ließen sie entweder verwalten oder verpachteten sie an gelernte Müller. Im Laufe der Jahre aber vergaben sie ihren Besitz in Erbpacht, und so entstand die Erbenzinsmühle, aus der dann im Laufe des letzten Jahrhunderts durch Ablösung des Kanons der freie Besitz wurde.

Die nachstehenden Daten sollen nur einiges aus der Geschichte der Twielenflether Mühle erzählen.

Sie ist anscheinend die älteste der sechs Altländer Mühlen. Nach dem Stader Stadtbuch kaufte Hinrich Wintmolner 1331 in Twielenfleth einige Ruthen Land und baute die erste Mühle. 1400 wurde im Stadtbuch erwähnt, dass Hinrich Koltzer einen Hof nahe bei der Mühle besitzt.

Das Altländer Schatzregister vom Jahr 1588 führt unter dem Namen Peter Blume (Blohm) an: „ An diesem Peter Blumen Lande stehet eine Windmühle, die gehöret sel. Jacob Drewes Erben und sel. Hermans Wildeshausen Witwe zu Stade“

1603 heißt es von der Mühle nur: „Gehöret dieselbige nach Stade und ins Land Kehdingen.“

Ausführlicher berichtet das Obsthofregister vom Jahre 1657: „Jürgen Jürgens hat eine Mühle unter Händen, so zum viertenTeil Paul zum Velde (Hausmann in Twielenfleth), zum vierten Teil dem Herrn Gräfen von Haaren bei seinem Hoffe und zur Hälfte Christoph von der Mehden (Stader Bürgermeisterfamilie) gehöret.“ (Anmerkung: Der Gräfe von Haren zu Jork besaß damals einen Hof in Twielenfleth von 28 Altländer Morgen.)

Am ausführlichsten berichtet die Schatzbeschreibung von 1695: „Die Windmühle zu Twielenfleth gehört halb Hinrich von Haren (dem Sohn des Gräfen), von der anderen Hälfte gehöret ein Flunk Dietrich Ropers und ein Flunk Hein Kolster (beide Hausleute in Twielenfleth); die eine Hälfte ist also unter dem Roßdienst und die andere unter der Kontribution, also erste Hälfte adlig-freier Besitz. Die ganze Mühle träget 96 Reichstaler, davon ein Drittel wegen der Baukosten abgezogen werden, bleinen 64 Rthlr., davon aber die Hälfte kann in Consideration gezogen werden. Der Müller heißt Jacob Jürgens, hat eine geschlossene Mattenkiste, bekommt jährlich 20 Rthlr. Lohn und das Mahlgeld, wohnet zu Hauer in Hein Kolsters Kathaus.“

Die Nachkommen von Jürgens verwalten die Mühle weiter: 1743 Claus Jürgens, 1747 Johann Jürgens.

Die alte Bockmühle wurde laut Kirchenbuch bei einem starken Sturm 1818 umgeweht und dabei der Müller getötet.

Als holländische Mühle ist sie dann neuerbaut worden und ging in den Besitz des Stader Zimmermeisters Johann Michael Fliedner über; Pächter war 1837 der Müller Wilhelm Giese.

Am 4. Oktober 1837 kaufte der Stader „Schlössermeister“ Christian Friedrich Rapp die Mühle für 8.100 Taler Landeskurant.

Und von ihm kaufte sie am 13. Oktober 1851 der Müllergeselle Julius Heinrich Friedrich Georg Noodt, Sohn des Apothekers Lambert Noodt aus Schwarzenbeck und Schwiegersohn des Hausmanns Peter Wilkens in Siebenhöfen für 13.000 Taler hannoversches und preußisches Curant.

Seitdem ist sie im Besitz der Familie Noodt: 1881 Peter Julius Noodt, 1911 Julius Heinrich Noodt, 1958 Hans-Baltasar Noodt, 1988 Hein Noodt.

Christian Friedrich Rapp kaufte von dem erzielten Verkaufserlös 1854 das Fährhaus auf der Schanze für 4.005 Taler Landescurant.

Bild CronikDas Bild stammt aus der Zeit vor 1922; es zeigt die Mühle in alter Pracht. Man hat sie, um sie aus dem Windschatten des Elbdeiches und der Obsthöfe herauszuheben, auf einen turmartigen Unterbau gesetzt, der durch acht vorspringende Pfeiler verstärkt ist. Wegen ihrer Bauhöhe besaß die Mühle jedoch ein hohes Risikopotential. Blitzeinschläge oder Beschädigungen der Flügel durch heftige Stürme waren deshalb keine Seltenheit.

Bei Orkanböen war immer wieder schnelles Handeln gefragt. Hein Noodt musste so schnell als möglich die Bremse “reinhauen”, ansonsten konnte es passieren, dass sich die Flügel mitsamt dem Dach selbständig machten. Noch schlimmere Auswirkungen hätte es, wenn das Räderwerk nicht sofort zum Stillstand kam. Die Reibungskräfte zwischen Bremse und Flügelwelle konnten Funken schlagen und die Mühle in Minutenschnelle in Brand setzen.

So traten am 24 Meter hohen Windwerk der „Venti Amica“ (Freundin des Windes) immer wieder Schäden auf.

1963 erhielt die Mühle nach einem wenige Jahre zuvor erlittenen Schaden ein neues Flügelkreuz.

Etwa 15 Jahre später waren wieder Erneuerungen an den Flügeln notwendig, damit Müller Hein Noodt weiterhin mit Windkraft mahlen konnte.

Im Frühjahr 1990 war wieder eine große Instandsetzung notwendig: die Mühle erhielt eine neue Windrose und ein neues Jalousie-Flügelkreuz. Außerdem mussten an der Mühlenkappe verschiedene Reparaturen vorgenommen werden (u. a. Sanierung der Fughölzer).

Im Januar 1993 erlitt „Venti Amica“ durch einen Sturm erneut schweren Schaden: an drei der erneuerten Flügel brachen die Jalousiehecks ab.

Auch im Frühjahr 2002 waren wieder Reparaturen an den Flügeln nötig.

Am 29. Mai 2009 brach bei laufendem Betrieb dicht am Achskopf einer der vier Jalousieflügel ab und beschädigte dabei nicht nur einen weiteren Flügel, sondern auch die Mühlenkappe und den Achtkant der Mühle. Durch die plötzlich in Folge des abgebrochenen Flügels aufgetretene Unwucht waren zudem Schäden am gehenden Werk entstanden.

Am 22. Juni 2017 wurde die Windmühle erneut von einem Sturm schwer getroffen. Windböen mit einer Stärke von bis zu 120km/h trafen die Mühle von hinten, drückten die Jalousieklappen der Flügel zu und vergrößerten somit die Angriffsfläche des Windes.

Das führte zu einem Bruch des hinteren Lagers sowie des vorderen Vierkants der gusseisernen Flügelwelle. Die Welle rutschte ungehindert nach vorne und drückte dadurch die Mühlenkappe nach oben. Hierdurch traten sowohl Beschädigungen an der Kappe, als auch am Windrosenbock und dem oberen Kammrad auf.

Das vordere Flügelpaar schlug mit Schwung auf die Galerie und kam dort zum Stehen. Dabei wurde nicht nur ein Flügel und die dazugehörigen Jalousieklappen komplett zerstört, sondern auch die Galerie beschädigt. An den anderen drei Flügeln mit ihren Jalousieklappen kam es zu erheblichen Beschädigungen.

Mit der jetzt fertig gestellten Großreparatur und dem damit verbundenen finanziellen Engagement unterstreichen sowohl Müller Hein Noodt als auch die Bevölkerung und die Öffentliche Hand die Bedeutung der letzten gewerblich betriebenen Windmühle im Elbe-Weser-Dreieck als Bau- und Kulturdenkmal.